ISSB rückt Naturschutz in den Fokus der Berichterstattung, während sich TNFD von technischen Aufgaben zurückzieht.
- Das International Sustainability Standards Board (ISSB) startet einen Standardsetzungsprozess zur Einführung von Offenlegungspflichten in Bezug auf die Natur, der auf dem Rahmenwerk der Taskforce on Nature‑related Financial Disclosures (TNFD) aufbaut.
- Laut TNFD orientieren sich 733 Organisationen, 22 Billionen US-Dollar an verwalteten Vermögenswerten und Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von über 9 Billionen US-Dollar an den freiwilligen Empfehlungen.
- Das ISSB geht davon aus, bis zur CBD COP17 im Oktober 2026 einen Entwurf für schrittweise Offenlegungspflichten im Zusammenhang mit der Natur zu veröffentlichen, was auf eine wachsende regulatorische Konvergenz bei der Berichterstattung über mit der Biodiversität verknüpfte Finanzinformationen hindeutet.
Die Natur findet Eingang in die globale Basislinie
Das ISSB bestätigte diese Woche in London, dass es sich bei der Entwicklung neuer oder geänderter Offenlegungsstandards für naturbezogene Risiken und Chancen auf den Rahmen der TNFD stützen wird. Die TNFD gab ihrerseits bekannt, ihre laufenden technischen Arbeiten bis zum dritten Quartal 2026 abzuschließen und die weitere Leitlinienentwicklung auszusetzen. Dadurch wird dem ISSB die Möglichkeit gegeben, eine globale Grundlage für die Offenlegung von Naturrisiken und -chancen zu schaffen.
Die Entscheidung markiert einen Wendepunkt: Anstelle einer Vielzahl konkurrierender Leitlinien erhalten Investoren und Unternehmen einen einheitlichen Leitfaden durch die Standards des ISSB. ISSB-Vorsitzender Emmanuel Faber betonte, dass die Nachfrage der Investoren nach naturbezogenen Informationen eindeutig sei, und erklärte, das ISSB werde effizient handeln, indem es auf den bewährten Verfahren der TNFD aufbaue. Der LEAP-Ansatz (Lokalisieren, Bewerten, Analysieren, Vorbereiten) des TNFD-Rahmenwerks bildet dabei eine wichtige Grundlage.
Auswirkungen auf Governance und Marktstruktur
Indem das ISSB die Offenlegung von Informationen zum Thema Natur in seinen Standardisierungsprozess aufnimmt, signalisiert es, dass Biodiversität, Ökosysteme und Ökosystemleistungen (BEES) nun fester Bestandteil der gängigen Unternehmensberichterstattung sind. Die Governance-Dimension ist hierbei entscheidend: Zahlreiche Jurisdiktionen, die bereits auf die ISSB-Standards Bezug nehmen, könnten künftig verpflichtende Offenlegungen zum Thema Natur einführen.
Für Unternehmen und Investoren bedeutet dies, dass die Natur nicht länger eine Randerscheinung ist. Strategie, Risikomanagement und Kapitalallokationsentscheidungen müssen naturbezogene Abhängigkeiten, Auswirkungen und Übergänge ebenso berücksichtigen wie den Klimawandel. Die Absicht des ISSB, sich im Rahmen des formalen Verfahrens der IFRS Foundation abzustimmen und zu konsultieren, gewährleistet, dass die Standardsetzungsarbeit anerkannten Governance-Standards genügt.
Finanzierungsströme und Anlegerverhalten
Die Zahlen des TNFD verdeutlichen das Ausmaß: Mehr als 730 Organisationen haben sich an dessen Richtlinien angepasst und verwalten ein Vermögen von über 22 Billionen US-Dollar sowie einen Marktwert börsennotierter Unternehmen von über 9 Billionen US-Dollar. Dies deutet darauf hin, dass das Interesse der Anleger an Offenlegung naturbezogener Informationen bereits beträchtlich ist und der Übergang zu einem ISSB-basierten Standard die Kapitalflüsse in naturnahe Anlagestrategien voraussichtlich beschleunigen und die Preisgestaltung naturbezogener Risiken erleichtern wird.
Für Vermögensinhaber und -verwalter bedeutet dies in der Praxis, dass eine freiwillige Anpassung gemäß TNFD als langfristige Strategie nicht mehr ausreicht. Da das ISSB die Anforderungen an zusätzliche Offenlegungen festlegt, können Unternehmen, die frühzeitig Naturrisiken integrieren, sich einen Wettbewerbsvorteil bei der Kapitalbeschaffung und der Vermeidung von Risiken durch gestrandete Vermögenswerte oder Haftungsrisiken verschaffen. Gleichzeitig sollten Unternehmen die Auswirkungen auf ihre zukünftigen Kapitalkosten berücksichtigen, wenn sie keine glaubwürdigen Praktiken im Bereich Natur-Governance und -Offenlegung anwenden.
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Implementierung und Roadmap
Das ISSB wird in den kommenden Monaten entscheiden, ob seine naturbezogene Arbeit über diesen Weg fortgesetzt wird.
- Anwendungshinweise oder Änderungen der bestehenden IFRS S1- und IFRS S2-Standards;
- branchenbezogene oder sektorspezifische Leitlinien;
- oder ein völlig neuer Standard, der die Natur in den Mittelpunkt stellt.
Es ist ein öffentliches Konsultationsverfahren geplant, und das ISSB beabsichtigt, rechtzeitig zur COP17 des CBD im Oktober 2026 einen Entwurf vorzulegen. Nach der Fertigstellung des Standards wird das Board Schulungs- und Umsetzungsmaterialien entwickeln, um die Anwendbarkeit in verschiedenen Rechtsordnungen und Sektoren zu gewährleisten.
Unternehmen, die sich in der Zwischenzeit auf die TNFD-Empfehlungen beziehen, sollten ihre Angleichung fortsetzen, da das ISSB angekündigt hat, die TNFD-Kennzahlen und -Leitlinien zu berücksichtigen. Diese Kontinuität kann die Fragmentierung der Offenlegung naturbezogener Informationen in verschiedenen Rahmenwerken verringern.
Worauf sich Führungskräfte und Investoren jetzt konzentrieren sollten
Geschäftsführer und Aufsichtsräte müssen Naturschutz als unternehmensweites Risikothema behandeln: Abhängigkeiten, Risiken und Transformationspfade entlang von Lieferketten und in Lebensräumen müssen erfasst werden. Finanzabteilungen und Nachhaltigkeitsbeauftragte sollten prüfen, ob die aktuellen Naturschutzberichte fundiert, zukunftsorientiert und mit den Erwartungen der Investoren vereinbar sind.
Anleger sollten ihre Portfolio-Engagements in Bezug auf naturbezogene Risiken überprüfen, ihre Szenarioanalysen um BEES-Stresstests ergänzen und die Offenlegungen ihrer Portfoliounternehmen im Hinblick auf den neuen ISSB-Zeitplan prüfen. Unternehmen mit einer frühen Naturschutzstrategie könnten von einer stärkeren Einbindung und einem verbesserten Zugang zu Transaktionen profitieren.
Globale Bedeutung und regionale Strategie
Da immer mehr Jurisdiktionen weltweit die ISSB-Standards übernehmen oder darauf verweisen – bereits rund 40 –, erhöht die Einbeziehung von Offenlegungspflichten im Zusammenhang mit der Natur die Wahrscheinlichkeit harmonisierter regulatorischer Erwartungen. Dies bietet multinationalen Unternehmen einen klareren gemeinsamen Fahrplan. Regional betrachtet müssen Märkte in Afrika, Lateinamerika und im asiatisch-pazifischen Raum voraussichtlich ihre lokalen Implementierungskapazitäten und Dateninfrastrukturen ausbauen, um effektiv reagieren zu können.
In einer Zeit, in der der Verlust der Artenvielfalt und die Zerstörung von Ökosystemen systemische Bedrohungen für Wirtschaft und Kapitalmärkte darstellen, ist die Integration von Naturdaten in die globalen Offenlegungsstandards ein Schritt zur Schließung der Informationslücke. Der vor uns liegende Weg wird Unternehmen und Investoren gleichermaßen auf die Probe stellen – doch für diejenigen, die bereit sind, wird der Weg immer klarer.
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