Europäische Luxusmarken starten Initiative zur Standardisierung von ESG-Daten ihrer Lieferanten
• Der europäische Modesektor benötigt bis 2030 schätzungsweise 4.4 Milliarden Euro (5.09 Milliarden US-Dollar), um mit den Dekarbonisierungspfaden Schritt zu halten. Dies offenbart eine wachsende Finanzierungslücke für die Zulieferer.
• CHANEL, Kering, die Moncler Group, die Prada Group und andere unterstützen einen Fashion Pact Accelerator, um die Praktiken im Bereich Umweltdaten zu vereinheitlichen und den Berichtsaufwand für die Hersteller zu verringern.
• Ein neuer, harmonisierter Fragebogen für Energie, Wasser und Abfall wurde in den italienischen Lieferketten getestet, mit dem Ziel, die Aufsicht zu vereinfachen und Kapital für eine sauberere Produktion freizusetzen.
Ein koordinierter Schritt zur Standardisierung der Lieferantendaten
Paris. Ein Zusammenschluss der weltweit einflussreichsten Luxusmarken unterstützt im Rahmen des Fashion Pact einen neuen europäischen Accelerator, der die Erfassung von Umweltdaten entlang der europäischen Modelieferketten vereinfachen soll. Die Initiative, die von CHANEL, Kering, der Moncler Group, der Prada Group und weiteren Unterzeichnern getragen wird, will eine der hartnäckigsten strukturellen Herausforderungen der Branche angehen: die fragmentierten, uneinheitlichen und ressourcenintensiven Berichtspflichten für kleine und mittlere Zulieferer.
Mehr als 55 CEOs, die rund ein Drittel der globalen Modeindustrie repräsentieren, haben die Koalition beauftragt, gemeinsame Maßnahmen in den Bereichen Klima, Biodiversität und Ozeane voranzutreiben. Der neue Accelerator ist der erste regionsspezifische Mechanismus zur Harmonisierung von Umweltdaten und zur Vermeidung von Doppelarbeit für Zulieferer, die häufig mit mehreren Marken zusammenarbeiten, die jeweils unterschiedliche Formate und Verifizierungsverfahren benötigen.
Eva von Alvensleben, Geschäftsführerin und Generalsekretärin von The Fashion Pact, bezeichnet die Initiative als Wendepunkt für die Koordination der Klimastrategien von Luxusmarken. Sie betont, dass eine gleichbleibend hohe Datenqualität unerlässlich ist, damit Unternehmen Emissionsschwerpunkte erkennen, glaubwürdige Dekarbonisierungspläne entwickeln und die steigenden regulatorischen Anforderungen der EU erfüllen können.
Ein praktischer Weg zur Reduzierung der Lieferantenbelastung
Das erste Ergebnis des Accelerators ist ein gemeinsam entwickelter Fragebogen zu Energieverbrauch, Wasserverbrauch und Abfallaufkommen. Das Tool wurde sechs Wochen lang mit 74 italienischen Lieferanten getestet und dient dazu, redundante Anfragen zu vermeiden und gleichzeitig die Vergleichbarkeit und Standardisierung der Daten zu verbessern. Es wird bereits von mehreren Fertigungspartnern eingesetzt und von einem technischen Komitee aktualisiert, um neuen Standards Rechnung zu tragen.
Der Fragebogen wurde mit Unterstützung des Beratungsunternehmens Quantis und unter Einbeziehung der italienischen Nationalen Modekammer entwickelt. Er ist nicht exklusiv und kann von jedem Modeunternehmen genutzt werden. Für Zulieferer, die häufig mit geringen Gewinnmargen arbeiten und unter Personal- oder Kapitalengpässen leiden, bedeutet die Aussicht auf ein einheitliches Berichtssystem einen wesentlichen Schritt hin zu mehr operativer Vereinfachung.
Lucia Mantero, Produktentwicklungsleiterin bei Mantero, erklärte, dass das Pilotprojekt ihrem Unternehmen ermöglicht habe, sich auf die Bereitstellung präziser Daten zu konzentrieren, anstatt markenspezifische Vorlagen zu verwenden. Für Hersteller, die es gewohnt sind, unterschiedliche Anforderungen zu erfüllen, hilft ein einheitlicher Fragenkatalog dabei, Effizienzsteigerungspotenziale aufzudecken und das Vertrauen zwischen Marken und Produktionsstätten zu stärken.
Finanzierung des Übergangs für Europas Lieferanten
Die operative Arbeit der Datenharmonisierung findet vor dem Hintergrund einer breiteren wirtschaftlichen Lage statt: Große Teile der europäischen Luxusgüterindustrie verfügen nicht über die Investitionskapazitäten, um sauberere Technologien einzuführen. Laut einer neuen Studie der TEHA Group geben 58 Prozent der Anbieter an, dass die erforderlichen Investitionen zur Dekarbonisierung derzeit nicht realisierbar sind. Ohne gezielte Finanzierungsprogramme wird es dem Sektor schwerfallen, die bis 2030 benötigten 4.4 Milliarden Euro aufzubringen, um seine Emissionsziele zu erreichen.
Der Accelerator positioniert sich als Bindeglied zwischen dem Kapitalbedarf der Zulieferer und den Dekarbonisierungsverpflichtungen der Marken. Der Fragebogen ist nur der erste Schritt. Durch die Erfassung von Ineffizienzen und die Schaffung einer klareren Grundlage für die Umweltleistung will die Koalition ermitteln, wo Finanzierungsmechanismen, Mischkapital oder gemeinsame Investitionsvehikel den Ausbau erneuerbarer Energien, umweltschonender Materialien und energieeffizienter Anlagen fördern können.
Lorenzo Bertelli, Chief Marketing Officer und Leiter der Abteilung für soziale Unternehmensverantwortung der Prada-Gruppe, sagte, der Rahmen biete eine zuverlässigere Grundlage, um die Art von Interventionen zu identifizieren, die für Europas fragmentiertes und hochspezialisiertes Lieferkettennetzwerk am wichtigsten sein werden.
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Kollektive Steuerung und Umsetzung im großen Maßstab
Die Governance-Struktur des Fashion Pact ist darauf ausgelegt, die Entscheidungsfindung zwischen Marken zu beschleunigen, die traditionell unabhängig agieren. Fünfzehn CEOs bilden den gewählten Lenkungsausschuss, unterstützt von einer operativen Gruppe aus 24 Chief Sustainability Officers von Unternehmen wie Moncler, CHANEL und der J.Crew Group. Diese Kombination aus hochrangigem Mandat und technischer Expertise ermöglicht es der Initiative, von der Vision zur praktischen Umsetzung zu gelangen.
Zulieferer in Italien, wo viele Luxusmarken ihre Produktion konzentrieren, können frühzeitig profitieren. Ein einheitlicher Fragebogen könnte technischen Teams helfen, ihre Leistung zu vergleichen, Schulungsprogramme zu unterstützen und Möglichkeiten zur Ressourceneffizienz aufzuzeigen. Langfristig könnte ein harmonisiertes System dazu beitragen, die Nachfrage nach Stromabnahmeverträgen für erneuerbare Energien, gemeinsamen Recyclingzentren oder umweltfreundlicheren Logistiklösungen zu bündeln.
Edoardo Zegna, Chief Marketing and Sustainability Officer der Ermenegildo Zegna Group, erklärte, dass ein Konsens einen kontinuierlichen Dialog zwischen Marken und Lieferanten erfordere. Er betonte, dass Transparenz und gemeinsame Problemlösung unerlässlich seien, um einen branchenweit einheitlichen Fragebogen zu etablieren.
Auswirkungen auf globale Mode- und Klimaziele
Der europäische Accelerator entsteht genau zu dem Zeitpunkt, an dem Regulierungsbehörden, Investoren und Verbraucher mehr Transparenz hinsichtlich der Umweltleistung fordern. Unternehmen, die in der EU tätig sind, sehen sich mit wachsenden Offenlegungspflichten, zunehmender Überprüfung der Emissionen entlang der Wertschöpfungskette und steigenden Erwartungen der Finanzmärkte an glaubwürdige, vergleichbare und nachvollziehbare Nachhaltigkeitsdaten konfrontiert.
Für Führungskräfte der obersten Ebene deutet die Initiative auf einen umfassenderen Trend hin: Markenübergreifende, vorwettbewerbliche Zusammenarbeit gewinnt zunehmend an Bedeutung, um Datenlücken zu schließen, Risiken zu teilen und die Emissionsreduzierung zu beschleunigen. Für Investoren könnte ein klareres Bild der Lieferantenleistung die Due-Diligence-Prozesse optimieren und die Bewertung von Übergangsrisiken verbessern.
Die Fortschritte des Accelerators werden auch außerhalb Europas aufmerksam verfolgt werden. Sollte sich das Modell bewähren, könnte es als Vorlage für andere Regionen dienen, in denen Lieferketten ähnlich dezentralisiert sind. Angesichts der näher rückenden globalen Klimaziele werden einheitliche Ansätze für Lieferantendaten entscheidend dafür sein, dass die Modebranche sich an internationalen Klimarahmen orientieren kann, anstatt auf fragmentierte Initiativen einzelner Marken zu setzen.
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